Der Name hört sich äußerst kompliziert und theoretisch an, dafür sind die Aufgaben und Ziele dieser neuen Institution umso wichtiger und im wahrsten Sinne des Wortes wegweisend: Die „Ergänzende Unabhängige Teilhabeberatungsstelle“ (EUTB), deren Domizil sich unter dem Dach der Landshuter Werkstätten der Lebenshilfe am Sonnenring in Altdorf befindet, will durch Beratung auf Augenhöhe ihren Beitrag leisten, damit Menschen mit Behinderung trotz eines Handicaps eigenverantwortlich und selbstbestimmt ihr Leben meistern können.

Die Musikgruppe des Netzwerks brachte es in ihren Liedern auf den Punkt, was die Eröffnung der neuen Beratungsstelle aus Sicht der Betroffenen gewesen ist: „Ein schöner Tag“, an dem man die grenzenlose Freiheit „Über den Wolken“ spüren und sich gegenseitig zurufen konnte: „Geh’ Deinen Weg, lass’ Deine Sorgen sein, denn Du bist nicht allein!“ Auch Lebenshilfe-Geschäftsführerin Dr. Hannelore Omari freute sich als Hausherrin und stellvertretende Vorsitzende des EUTB-Trägervereins für Niederbayern und die Oberpfalz über das „hohe Maß an Unterstützung und Wertschätzung“ durch die zahlreichen Gäste aus Politik und Verwaltung sowie von Sozialverbänden und Wohltätigkeitsorganisationen.Nach den Worten des Trägervereinsvorsitzenden Peter Weiß vom Sozialteam Niederbayern ist die EUTB laut offizieller Definition ein „unentgeltliches, allen Menschen mit Behinderungen und ihren Angehörigen offenes, Orientierung gebendes Angebot zur Beratung über die Leistungen zur Rehabilitation und Teilhabe mit dem Ziel der Stärkung der Eigenverantwortung und Selbstbestimmung behinderter Menschen“.

Um diesem Anspruch gerecht zu werden, haben sich 13 Verbände und Institutionen zusammengetan, weitere Organisationen können oder wollen sich noch anschließen.Durch diese Vielfalt werde Unabhängigkeit geschaffen und der reiche Erfahrungsschatz aus der organisierten Selbsthilfe gewinnbringend eingebracht, so Weiß. Dies sei wichtig für die EUTB-Beratung, die keine der bestehenden Beratungsmöglichkeiten ersetzen, sondern vielmehr ergänzen wolle: „Wir haben eine Lotsenfunktion, unser Ziel ist keine längerfristige Beratung.“ Die Ergänzende Unabhängige Teilhabeberatung verstehe sich als niederschwellige Information über die Rechte und Rechtsansprüche von behinderten Menschen. Eine zentrale Beratungsleistung bestehe in der Ermittlung des individuellen Bedarfs: „In welcher Lebenssituation und in welchem sozialen Umfeld befinden sich die Ratsuchenden? Welche Unterstützungsleistungen ergeben sich daraus?“

„Unser Ansatz ist, dass behinderte Menschen behinderte Menschen beraten“, stellte Peter Weiß die Besonderheit des Beratungsangebots heraus: 90 Prozent der EUTB-Mitarbeiter bringen Peer-Erfahrung mit. Durch die gemeinsam mit Betroffenen und deren Selbsthilfeorganisationen erarbeitete Konzeption könne die EUTB „eine unabhängige und möglichst breit getragene, von der Selbsthilfe unterstützte, flächendeckende, dem Gedanken der Peer-Beratung verbundene und die Rechte und Autonomie von Menschen mit Behinderung fördernde und das bisherige Beratungssystem ergänzende Beratung“ anbieten. Die Zielgruppe seien Menschen mit Behinderung oder von Behinderung bedrohte Menschen, unabhängig von der Art und Ausprägung ihrer Behinderung, sowie deren Angehörige und Bezugspersonen. Im Mittelpunkt der ganzheitlich angelegten Beratung stehen die Autonomieförderung und die Stärkung der Eigenverantwortung.Das Konzept der Beratungsstelle stieß bei der Eröffnungsfeier auf ein überaus positives Echo.

CSU-Bundestagsabgeordneter Florian Oßner bezeichnete die EUTB als „wichtigen zusätzlichen Baustein in der Selbsthilfe und Beratung“. Angesichts der Tatsache, dass in etwa jeder zehnte Deutsche im Lauf seines Lebens einmal von einer Behinderung betroffen ist, seien Teilhabe, Inklusion und Barrierefreiheit gesamtgesellschaftliche Aufgaben.

MdB Nicole Bauer (FDP) fand es wichtig, dass in einer Gesellschaft, in der nur noch die Devise „schneller, höher, weiter“ zähle, diejenigen nicht vergessen werden, die es nicht so leicht haben und die dennoch eigenverantwortlich und selbstbestimmt durchs Leben gehen wollen. „Sie schaffen Wertschätzung für einander und miteinander“, betonte Bauer. Gerade durch die Beratung von Betroffenen für Betroffene würden Ängste und Barrieren abgebaut, weil sich das Gegenüber genau in den anderen hineinversetzen könne. Deshalb sei auch die Beratung von Mensch zu Mensch so wichtig.

Als „wunderbare Ergänzung“ der vorhandenen Beratungsangebote würdigte CSU-Bezirksrätin Martina Hammerl die neue Einrichtung: „Sie begleiten die Menschen von Anfang an.“ Dass sich die EUTB als Lotse verstehe und behilflich sein wolle, damit Menschen sich zurechtfinden können, sei enorm wichtig: „Denn was hilft eine flächendeckende Bandbreite, wenn der Betroffene nicht mehr weiter weiß.“ Dabei kommt es ihrer Meinung nach vor allem auf die Teilhabe am Arbeitsleben an. Hammerl: „Es geht darum, dass Menschen mit Behinderung wertvolle Mitglieder unserer Gesellschaft sind.“

Vizelandrat Fritz Wittmann (FW) dankte dem Trägerverein für den „wertvollen Beitrag für unsere Gesellschaft“. Teilhabe, Inklusion und Integration seien keine Rand- oder Minderheiten-Themen, sondern stünden in der Mitte der Gesellschaft. Mehr denn je gehe es darum, dass nicht nur physische Schwierigkeiten und Stolpersteine aus dem Weg geräumt, sondern auch die Barrieren in den Köpfen beseitigt werden. Behinderte als Partner zu betrachten und anzuerkennen, „das ist ihr Verdienst“. Die EUTB zeige Wege auf, wie Menschen mit ihren Stärken und Schwächen angenommen werden können. „Unser gemeinsames Ziel sollte ein selbstverständliches Miteinander von Menschen mit und ohne Behinderung sein. Jeder Schritt in diese Richtung bringt uns weiter“, so Wittmann.

(Quelle: Landshuter Zeitung, 20.09.2018)