FDP-Kreisvorsitzende wird zweite Bundestagsabgeordnete

Die Sensation ist perfekt: Nicole Bauer hat den Einzug in den Bundestag geschafft. In aller Herrgottsfrüh war am Montag für die FDP-Kreisvorsitzende die nervenzehrende Zitterpartie des Wahlabends endlich zu Ende. Per E-Mail überbrachte ihr FDP-Bundesgeschäftsführer Marco Buschmann von Berlin aus die Nachricht, dass sie laut dem vorläufigen amtlichen Endergebnis, das der FDP im Freistaat 10,2 Prozent der Zweitstimmen bescherte, zu den zwölf bayerischen Liberalen gehört, die in den nächsten vier Jahren Sitz und Stimme im Parlament haben werden.

Auf dem Weg nach oben: Dieses Foto veröffentlichte die frischgebackene FDP-Bundestagsabgeordnete Nicole Bauer am Montag auf ihrer Facebook-Seite, zusammen mit dem Kommentar „Mir fehlen die Worte“ sowie mit einem Dank an ihre Wähler und ihre Unterstützer: „Ihr seid großartig.

 

„Ich bin natürlich extrem glücklich und freue mich unwahrscheinlich auf diese Riesenaufgabe“, verkündete die 30-jährige Diplom-Wirtschaftsingenieurin aus Velden, die sich gestern Vormittag bereits auf den Weg nach Berlin gemacht hat, um an der konstituierenden Sitzung der neuen FDP-Bundestagsfraktion teilzunehmen.

Die angehende Abgeordnete, für die im Wahlkreis 8,52 Prozent der Erststimmen zu Buche standen, konnte am Montagvormittag ihr Glück noch nicht fassen: Nach der langen Wahlnacht und dem schier endlosen Hoffen und Bangen war sie außer sich vor Freude über das überwältigende Ergebnis: „Das war wie ein Krimi in mehreren Staffeln: Es war höchst spannend und hat dann auch noch ein Happy-End“, erzählte sie der Landshuter Zeitung. Nicht ohne Stolz fügte sie hinzu, dass sie als Elfte auf der bayerischen FDP-Liste eines der elf „regulären“ Mandate errungen hat, die ihrer Partei aufgrund des sehr guten Zweitstimmenergebnisses zustanden, während der zwölfte FDP-MdB aus dem Freistaat seinen Parlamentssitz einem Ausgleichsmandat zu verdanken hat.

Ein Traum geht in Erfüllung

Eine zusätzliche Steigerung erfuhr ihre Motivation dadurch, dass prominente Parteifreunde wie der Vizepräsident des Europäischen Parlaments, Alexander Graf Lambsdorff, oder Katja Suding, FDP-Fraktionsvorsitzende in der Hamburger Bürgerschaft, ebenfalls mit ihr als „Wackelkandidatin“ mitgefühlt und nach Bekanntwerden ihres Ergebnisses sofort Glückwünsche übermittelt hätten. Umso mehr war es Nicole Bauer deshalb am Tag nach der Bundestagswahl ein Herzensanliegen, nicht nur allen Wählern, sondern auch ihren Unterstützern und den Mitstreitern in ihrem Team dafür zu danken, „dass sie einer jungen Frau mit vielen Ideen ihr Vertrauen geschenkt haben“. Bauer: „Für mich geht ein Traum in Erfüllung: Volksvertreterin zu sein, war schon immer mein Wunsch. Ich sehe Deutschland als großes Projekt an, in das ich nun meine Ideen einbringen möchte.“

Recht viel Zeit, um ihren persönlichen Wahlsieg zu feiern, blieb der jungen Parlamentarierin gestern allerdings nicht. Denn die Arbeit ließ nicht lange auf sich warten, der erste Pflichttermin stand bereits am Nachmittag an: die konstituierende Fraktionssitzung um 14 Uhr in Berlin, bei der sie anwesend sein musste, obwohl sie erst wenige Stunden zuvor von ihrem großen Glück erfahren hatte. Statt ausgelassen zu feiern, setzte sie sich ins Auto und trat ihre erste Dienstreise nach Berlin an, um halbwegs pünktlich zur Fraktionssitzung einzutreffen.

Erste Fraktionssitzung

Am Abend fuhr sie dann wieder zurück nach Niederbayern, weil es am heutigen Dienstag Schlag auf Schlag weiter geht und schon die nächsten Termine auf die neue Bundestagsabgeordnete warten: Morgens wird sie zu einem Fernsehinterview erwartet, anschließend steht eine Pressekonferenz in der Münchner FDP-Zentrale an, nachmittags treffen sich die zwölf bayerischen Liberalen zu ihrer ersten Landesgruppensitzung, und zu guter Letzt tagt auch noch der FDP-Landesvorstand zu einer strategischen Wahlnachlese. Von Mittwoch bis Freitag ist dann bereits erneut ihre Anwesenheit in der Bundeshauptstadt erforderlich, wo die jungen und neuen Abgeordneten mit ihren künftigen Aufgaben vertraut gemacht und gewissermaßen in einem Crash-Kurs auf ihr Amt vorbereitet werden.

Aufbauarbeit steht an

Eine spannende Zeit, der Nicole Bauer da förmlich entgegenfiebert – dies umso mehr, da sie als junger Hupfer nicht von einem altgedienten Haudegen an die Hand genommen werden kann: „Wir müssen wieder ganz von vorne anfangen, weil wir ja die vergangenen vier Jahre nicht im Bundestag vertreten waren und erst alles neu aufbauen müssen.“ Weil auf einmal alles ganz schnell gehen muss, hatte die bei einem großen bayerischen Automobilhersteller beschäftigte Wirtschaftsingenieurin auch noch gar keine Gelegenheit, um sich von ihren Arbeitskollegen gebührend zu verabschieden und ihnen für die herzlichen Glückwünsche zur Wahl in den Bundestag zu danken. Auch ihr unmittelbarer Chef, der zurzeit in Urlaub ist, weiß noch gar nichts von ihrem Glück.

Bauchweh wegen Jamaika

Dagegen weiß Nicole Bauer schon ganz genau, bei welchen Themen sie in Berlin Schwerpunkte setzen will. So liebäugelt sie mit einem Sitz im Bundestagsausschuss für Landwirtschaft und Ernährung, „denn ich komme ja aus der Landwirtschaft, da kenne ich mich aus“. Außerdem hat sie ein Faible für die Infrastrukturpolitik, die jedoch in Berlin bereits vom direkt (wieder-) gewählten CSU-Abgeordneten Florian Oßner abgedeckt wird. Da ihrer Meinung nach zwei Abgeordnete aus ein und demselben Wahlkreis im gleichen Ausschuss zuviel des Guten wären und letztlich keinen Mehrwert für die Region brächten, würde sie sich am liebsten auf die Agrarpolitik konzentrieren und zudem bei einigen anderen Themen einschalten, „um etwas für unsere Region vorwärtszubringen“. In welche Ausschüsse sie schließlich von ihrer Fraktion entsandt wird, werde sich frühestens gegen Ende der Woche entscheiden.

Mit gemischten Gefühlen blickt Nicole Bauer den anstehenden Sondierungsgesprächen und möglichen Koalitionsverhandlungen entgegen. Ihren Worten zufolge ist derzeit trotz eindeutiger Avancen seitens der Union „völlig offen, ob die FDP überhaupt Regierungspartei wird“. Eine schwarz-gelb-grüne Jamaika-Koalition mit CDU/CSU und Bündnis 90/Die Grünen bereite ihr jedenfalls „schon Bauchschmerzen“. Gleichwohl sei sie aber offen für alle Gespräche. Ausschlaggebend müsse letztlich sein, mit welchen Partnern liberale Positionen wie etwa ein Einwanderungsgesetz oder die Forderung „Kein Dieselverbot“ am besten durchzusetzen seien. „Mit der dritten Partei dürfte es da bei einigen unserer Themen mit Sicherheit schwierig werden“, stellte die FDP-Politikerin mit Blick auf die Grünen als mögliche Bündnispartner fest: „Denn in vier Jahren werden wir an unserer Glaubwürdigkeit gemessen.“

Glaubwürdig bleiben

Sie selbst wolle als MdB in spe jedenfalls authentisch, glaubwürdig und transparent bleiben. In diesem Zusammenhang könnte sie sich durchaus eine Fahrgemeinschaft mit dem ebenfalls aus dem Markt Velden stammenden CSU-Wahlkreisabgeordneten Florian Oßner anbieten. „Das könnte unser Beitrag zum Schutz der Umwelt und zur Entlastung der Verkehrsinfrastruktur sein“, betonte Bauer. Denn Politiker könnten ihrer Meinung nach nur dann glaubwürdig sein, wenn sie das, wofür sie stehen, auch selbst in die Tat umsetzen.

(Quelle: Landshuter Zeitung, 26.09.2017; Autor: Horst Müller)